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"Sir, we want to discuss about what is more important - knowledge
or money!" Im Englisch-Konversationsunterricht stehen zwei
Schüler vor der Klasse. Sie sollen über ein von ihnen
gewähltes Thema auf Englisch diskutieren. "Yes, Sir, my
part is, I say, knowledge is important, and he will say, money is
important." - "No, Sir, I will say, that knowledge is
important!" - "Perhaps both of you can find reasons, why
knowledge is important", schlage ich vor. "No, Sir, then
it is not a discussion!" - "O. k., Sir, I will say, that
knowledge and money is important, and he will say, only knowledge
is important." Nachdem beide einverstanden sind, kann die Diskussion
beginnen.
"By the name of Almighty Allah! Knowledge is most important
for every human being. Our prophet Mohammed, peace be upon him,
said, that every man and woman should struggle to get knowledge,
because that is the duty of every one. And it is so important for
every one of us to get knowledge and education to help our own,
sweet country Afghanistan, in order to develop Afghanistan, because
now Afghanistan is a very poor and undeveloped country."

Deutschunterricht von Heiner Tettenborn am Nangarhar-Gymnasium
in Jalalabad
Weiter wird ausgeführt, dass Geld auch wichtig sei, um Schulen
zu bauen und Lehrer bezahlen zu können, für den Besuch
privater Englisch- und Computerkurse und dafür, dass Kinder
und Jugendliche nicht arbeiten müssten, sondern lernen könnten.
Dass lediglich Geld, aber nicht Wissen wichtig sei, möchte
niemand aus der Klasse in der Diskussion vertreten.
Im Frühjahr 2003 hatten wir, Monika Koch und Heiner Tettenborn,
uns darum beworben, für eine kleine deutsche Hilfsorganisation,
die "Kinderhilfe Afghanistan" in Afghanistan arbeiten
zu können. Sie baut und unterstützt im Osten Afghanistans
Schulen ( http://www.kinderhilfe-afghanistan.de
). Glücklicherweise hat der Gründer und Leiter der
"Kinderhilfe", Dr. Erös, uns die Möglichkeit
gegeben, an Schulen in Jalalabad, der Hauptstadt der Provinz Nangarhar,
unentgeltlich als Lehrer zu arbeiten.
Seit mehreren Jahren hatten wir eine große Reise durch Asien
geplant. Ursprünglich wollten wir nicht nach Afghanistan, das
erschien uns zu gefährlich. Durch einen Vortrag von Dr. Erös
in Ulm haben wir von den Projekten der "Kinderhilfe" erfahren.
Wir glauben, dass eine möglichst gute Bildung für die
neue Generation mit das Wichtigste für eine dauerhafte Verbesserung
der Lebensbedingungen ist. Deshalb waren wir begeistert von den
Zielen und dem Einsatz von Dr. Erös und seiner Familie, die
ihn bei dieser Arbeit unterstützt.
Von Anfang Januar bis Mitte April 2004 haben wir in Jalalabad als
Lehrer in von der "Kinderhilfe" unterstützten Schulen
gearbeitet und sind danach etwa fünf Wochen lang in Afghanistan
gereist. Heiner hat am "Nangarhar Lise", einem Jungengymnasium,
Englisch und Deutsch unterrichtet, und die Lehrer der von der "Kinderhilfe"
eingerichteten Computerklasse unterstützt. Monika hat an zwei
verschiedenen, von der "Kinderhilfe" unterstützten
Mädchenschulen für Schülerinnen und Lehrerinnen Englisch
unterrichtet.
Zwischen Schulen in Deutschland und Schulen in Jalalabad gibt es
große Unterschiede. Die Schüler werden an den meisten
Schulen in zwei Schichten unterrichtet. Am "Nangarhar Lise"
zum Beispiel kommen morgens die älteren Schüler, nachmittags
die jüngeren. An einer anderen Schule, an der Monika unterrichtet
hat, haben morgens Mädchen Unterricht, nachmittags Jungen.
So können die Schulgebäude, von denen es viel zu wenige
gibt, von mehr Klassen genutzt werden. Trotzdem sitzen viele Klassen
im Schulhof oder im Freien unter Bäumen, wenn es welche gibt.
In einer Klasse sind meist zwischen fünfzig und einhundert
Schüler, allerdings kommen nicht alle Schüler jeden Tag
zur Schule. Viele Schüler müssen arbeiten, weil die Familie
zu wenig Geld hat.
Wenn Schüler nicht zum Unterricht kommen, gibt es kaum Sanktionen,
der Unterricht ist also letztlich freiwillig. Die Begeisterung für
die Schule und das Lernen ist bei vielen sehr groß, Schüler
und ihre Familien nehmen große Schwierigkeiten auf sich, damit
die Schüler in die oft weit entfernten Schulen gehen können.
Wer allerdings zu spät kommt, wird bestraft. Nach Unterrichtsbeginn
stand der Direktor des "Nangarhar Lise" oft mit einem
langen Stock am Schultor und versetzte Schülern, die durch
das Tor auf das Gelände der Schule liefen, einen kräftigen
Schlag mit dem Stock auf den Rücken oder Hintern.
Oft gibt es zu wenige Lehrer, als dass in jeder Klasse einer sein
könnte. Dann haben anwesende Lehrer mehrere Klassen zu kontrollieren
und laufen mit einem Stock bewaffnet die Gänge auf und ab,
damit die Schüler in den Klassenzimmern bleiben.
Auch beim Unterricht haben die Lehrer immer Stöcke dabei.
Ein französischer Freund, der ebenfalls in Jalalabad als Lehrer
gearbeitet und in einer Schule Französisch unterrichtet hat,
erzählte uns, dass er seine Schüler nach einigen Wochen
gefragt habe, warum sie zu Hause nicht französisch lernten.
Sie sagten ihm, dass er selbst Schuld sei. Ohne Stock könnten
sie ihn als Lehrer nicht ernst nehmen und hätten nicht die
nötige Angst vor ihm. Deshalb würden sie für seinen
Unterricht nicht lernen.
Es gibt auch viele sehr motivierte Schüler, die ohne die Drohung
mit dem Stock fuer die Schule arbeiten. Aber der Stock hilft den
Lehrern, die Disziplin aufrechtzuerhalten. Viele Schüler haben
acht, zehn oder mehr Geschwister, die Eltern können sich nicht
um jeden einzelnen kümmern. Auch zu Hause setzen sich viele
Eltern mittels Züchtigungen durch, etwas anderes haben die
meisten Kinder nicht kennengelernt, und die Schule muss sich diesen
gesellschaftlichen Verhältnissen anpassen.
Der Unterricht besteht für die jüngeren Schüler
hauptsächlich im Vorlesen und Nachsprechen. Dabei lernen die
Kinder oft nur die Texte im Buch auswendig, nicht aber, wie man
unbekannte Texte liest. Andere Unterrichtsmethoden kennen viele
Lehrer mangels Ausbildung nicht. Andererseits ist es fraglich, ob
andere Unterrichtsmethoden bei fünfzig bis hundert Schülern
pro Klasse überhaupt anwendbar wären.

Unterricht an einer Mädchenschule in Jalalabad
Viele Schüler sind sehr wissbegierig. Mädchen und Jungen
haben uns während des Unterrichts oft Fragen zum Leben in anderen
Ländern, besonders in Europa und Amerika gestellt. Manche nehmen
alles genauestens auf, denken darüber nach und haben beim nächsten
Mal weitere Fragen, die an die Antworten vom letzten Mal anschließen.
Das ließ den Englischunterricht oft zu einer Stunde über
europäische Geschichte, Geographie oder über die Lebensumstände
in Europa und Amerika werden.
Für uns war es sehr schön und interessant, in Jalalabad
zu leben. Allerdings ist das Leben dort für die meisten Menschen
sehr hart. Dinge des täglichen Bedarfes sind für Leute,
die keine besonders gut bezahlte Arbeit haben, sehr teuer. Die meisten
Sachen werden importiert, meist aus Pakistan oder Iran. In Afghanistan
gibt es noch kaum Industrie, wenn, dann bislang fast nur in Kabul.
Momentan hält wohl auch die schlechte Sicherheitslage einheimische
und ausländische Investoren davon ab, außerhalb Kabuls
Fabriken, etwa zur Nahrungsmittelverarbeitung, aufzubauen. Wir haben
haben zum Beispiel gehört, dass in den Provinzen ansässige
Kommandanten Leute zwingen, ihnen zu festgelegten Preisen Häuser
zu verkaufen, einfach, weil sie die Macht hätten, diesen Leuten
große Schwierigkeiten zu machen, oder sie töten zu lassen.
Ohne Produktion gibt es keinen Export. Im Moment gibt es daher
wenige Wege, auf denen Geld nach Afghanistan kommt. Es gibt zum
einen die internationalen Unterstützungszahlungen an die Regierung,
die internationalen Organisationen wie die UNO und die NGOs (Non-Governmental-Organizations
= Nichtregierungsorganisationen), zum anderen fließt viel
Geld für Rohprodukte aus Schlafmohn und zunehmend auch für
fertiges Heroin ins Land.
Beide Geldquellen bergen Gefahren für die Entwicklung des
Landes. Die UN und von ihr finanzierte Organisationen sowie manche
NGOs bezahlen zum Teil sehr hohe Gehälter, welche das Lohnniveau
stark in die Höhe treiben. So findet man beispielsweise fast
keine Englischlehrer oder Englischlehrerinnen für Schulen.
Universitätsprofessoren aus Jalalabad verlassen ihre Universität
und gehen nach Kabul zur UN oder zu einer NGO, um als Übersetzer
zu arbeiten, weil sie für diese Arbeit das zehnfache oder mehr
als für die Arbeit als Professor verdienen. Sicher findet auch
mancher, der gerne ein Unternehmen gründen würde, keine
qualifizierten Leute, die günstig arbeiten. Ein Lehrer verdient
zum Beispiel etwa 50 Dollar, ein Fahrer, der für die UN arbeitet,
300 bis 500 Dollar, qualifizierte Einheimische, die für die
UN oder die amerikanische Armee arbeiten, auch 1.000 Dollar oder
mehr.
Das Geld, das mit dem Mohnanbau, besonders aber mit dem Drogenhandel
verdient wird, kann ein großes Problem für die Entwicklung
des Landes werden. Die Bauern fühlen eine wirtschaftliche Notwendigkeit,
Schlafmohn anzubauen. Sie sagen, sie brauchen das Geld, um ihre
Familien zu ernähren. Man kann ihnen kaum übel nehmen,
dass sie versuchen, mit ihrem Land und ihrer Arbeit den größtmöglichen
Verdienst zu erzielen. Auf dem Land gibt es keine anderen Einkunftsquellen
als die Landwirtschaft. Der Staat hat offenbar noch nicht die Macht,
den Mohnanbau zu verhindern. Doch viel mehr als die Bauern verdienen
die Händler und Machthaber in den Provinzen am Transport der
Schlafmohnprodukte. Dieses Geld übersteigt wahrscheinlich die
Mittel des afghanischen Staates bei weitem. Es wird daher wohl dafür
verwendet werden, Polizei und Militär zu bestechen, Waffen
zu kaufen und alles zu tun, damit der Mohnanbau und der Transport
ins Ausland weiterhin nicht zu sehr gestört wird. Damit können
Leute mächtig und einflussreich werden und bleiben, die kein
Interesse an einer stabilen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung
des Landes haben.
Sowohl das Geld aus dem Mohnanbau und -handel als auch die hohen
Löhne, die von internationalen Organisationen bezahlt werden,
haben eine starke Inflation der Preise zur Folge. Wer nicht am Mohnanbau
verdient und auch keine der lukrativen Stellen bekommt, für
den ist es sehr schwierig, Geld für alles Notwendige zu verdienen.
Es ist sicher extrem schwierig, gegen diese Entwicklungen kurzfristig
etwas zu unternehmen. Das Wichtigste für eine Verbesserung
auf Dauer scheint uns, dass man es schafft, dass alle Kinder, auch
alle Mädchen, in die Schule gehen. Doch davon ist die Realität
noch sehr sehr weit entfernt, was besonders für die Dörfer
gilt. Auf dem Land ist es nach unserem Eindruck und auch nach Zahlen
von UNICEF, die wir in einem Bericht der afghanischen Regierung
gesehen haben, in vielen Provinzen noch unüblich, dass es Schulen
für Mädchen gibt.
Organisationen und Personen, die dafür arbeiten, Schulen und
insbesondere Mädchenschulen aufzubauen, setzen sich in vielen
Landesteilen, besonders im Süden und im Osten, einem gewissen
Risiko aus. Denn dies widerspricht sehr wahrscheinlich den Interessen
von Taleban und Al-Kaida und von anderen Leuten, die davon profitieren,
wenn Landesteile unterentwickelt, arm und instabil bleiben. Wir
haben in mehreren Provinzen Afghanen kennengelernt, die sich trotz
aller Schwierigkeiten und Gefahren dafür einsetzen, Schulen
aufzubauen, unterstützt von ausländischen Spendern. Wir
denken, dass das ein sehr guter Weg ist, den Menschen in Afghanistan
zu helfen.
In Afghanistan gibt es mehrere Volksgruppen. Die größte
Gruppe ist die der Paschtunen, die hauptsächlich im Süden
und Südosten des Landes leben. In den paschtunischen Gebieten,
in denen auch Jalalabad liegt, wird die Geschlechtertrennung meist
strikt eingehalten. In Jalalabad sieht man fast keine Frau ohne
die Burkha, die "Tsadori" genannt wird, auf der Straße,
und von vielen Familien wird es lieber gesehen, wenn die Frau ganz
zu Hause bleibt. Als männlicher Gast darf man lediglich ins
Gästehaus, wo die Frauen des Hauses nicht hinkommen. Das Essen
und der Tee wird zwar von den Frauen im "inneren" Hof
und im Haus zubereitet, aber von den jüngeren Söhnen der
Familie gebracht. Die Häuser und Innenhöfe sind von hohen
Mauern umgeben, so dass man auch nicht zufällig von außen
eine Frau sehen kann. Monika hat als ausländische Frau meist
das Privileg, sowohl bei den Männern, als auch bei den Frauen
sein zu dürfen, so dass sie immerhin erzählen kann, wie
es im Haus und im Innenhof aussieht, photographieren kann sie dort
allerdings kaum, weil die Frauen nicht photographiert werden dürfen
und sie sich dort ohne Burkha bewegen.
Die Geschlechtertrennung kommt uns wirklich furchtbar vor, vor
allem in ihren Konsequenzen für das Leben der Frauen, und es
fällt uns schwer, diese Trennung einfach als "andere Kultur"
zu akzeptieren, die, so wie sie ist, gut sein soll. Männer,
mit denen wir - mit großer Vorsicht und mit dem gebotenen
Respekt vor der alten Kultur eines Landes, in dem wir Gast sind
- darüber sprachen, sagten uns immer wieder, dass die Frauen
zufrieden seien mit ihrem Leben und ihrer Rolle, dass sie genau
so viele Möglichkeiten hätten, sich zu entfalten und zu
bestimmen wie die Männer, dies aber lediglich im häuslichen
Bereich. Doch Monika redete viel mit ihren Schülerinnen, von
denen manche etwas Englisch können, und - soweit sprachlich
mit den noch bescheidenen Möglichkeiten in Dari und Paschtu
möglich - mit Frauen von Gastgebern, und sie hatte nicht den
Eindruck, dass alle Frauen glücklich mit ihrem Leben sind,
im Gegenteil.
Wir könnten uns auf Dauer nur schwer an das Leben hier gewöhnen,
Heiner immer in den Männerrunden, ohne jeglichen Kontakt zu
Frauen außer der Monika, Monika immer mit großem Schal
um Kopf und Oberkörper, und züchtigen, weiten Kleidern
darunter, ohne allein unterwegs sein zu dürfen.
Doch je länger wir in Afghanistan zugebracht haben, desto
mehr haben wir verstanden, dass man diese Traditionen nicht von
heute auf morgen ändern kann, und dies gerade als Außenstehender
auch auf keinen Fall anstreben sollte.
Die Gründe für die für uns schwer verständlichen
Sitten sind durchaus vielschichtig. Eine große Rolle spielt
dabei die fehlende Sicherheit. Monikas Schülerinnen haben erzählt,
dass sie Angst haben, von fremden Männern gesehen zu werden.
Es komme vor, dass Männer, wenn ihnen ein Mädchen gefällt,
zu mehreren und bewaffnet zum Haus der Familie kämen und dieses
Mädchen mitnehmen wollten. Wenn ihrem Wunsch nicht entsprochen
werde, würden sie Mitglieder der Familie töten. Auch aus
diesem Grund wollen die Mädchen selbst nicht ohne Burkha auf
der Straße sein. Es ist anzunehmen, dass die fehlende Sicherheit
durch das Fehlen eines funktionierenden Staates während vieler
hunderten von Jahren dazu beigetragen hat, die Traditionen und Sitten
der Paschtunen entstehen zu lassen.
Viele gut gemeinte Projekte von Ausländern, die speziell Frauen
unterstützen und ihnen Rechte und Macht geben sollen, verursachen
großen Unmut. Der Stolz der Männer wird gekränkt,
ihr Selbstbewußtsein wird empfindlich getroffen. Dies kann
ein Nährboden sein für einen Kampf gegen alle ausländischen
Einflüsse und alle Ausländer. Tragfähige Änderungen
können nur aus einer Entwicklung der Gesellschaft insgesamt
und aus derem Inneren kommen, Forderungen von Ausländern können
dafür schädlich sein. Diese Entwicklung der Gesellschaft
kann man vielleicht vorsichtig unterstützen, zum Beispiel,
indem man Schulen für Jungen und Mädchen fördert,
erzwingen kann man sie nicht.
Eine andere Tradition der Paschtunen ist die Gastfreundschaft.
Sie unglaublich zu nennen, ist noch untertrieben. Ein Gast wird
mit dem bestmöglichen Essen versorgt, beschützt, beschenkt
und begleitet. Seine Ermordung würde durch die gastgebende
Familie gerächt, und diese Möglichkeit der Rache ist in
vielen Gebieten, in denen es keine staatliche Autorität gibt,
der einzige Schutz gegen Verbrechen. Der Gast wird nicht nur mit
dem Notwendigen versorgt, er bekommt auch Geschenke mit auf seinen
weiteren Weg. Paschtunen freuen sich immer, wenn sie einen Gast
haben. Alle anderen Tätigkeiten sind nicht so wichtig, wie
für den Gast da zu sein. Der Gast revanchiert sich, indem er
Neuigkeiten erzählt, viel mehr hat er nicht zu tun, alles wird
ihm sofort abgenommen.
Über das muslimische Id-Fest waren wir in ein kleines Dorf
nahe der Grenze zu Pakistan eingeladen. Das Fest dauerte vier Tage.
Da auf dem Land die Sicherheit nicht so gut ist wie in Jalalabad,
mussten einige Maßnahmen getroffen werden. Wir nahmen aus
Jalalabad zwei bewaffnete Begleiter mit. Abends, kurz nach Einbruch
der Dunkelheit wechselten wir unseren Aufenthaltsort, wir schliefen
bei einem guten Freund unseres Gastgebers und bei Verwandten im
Nachbardorf. Jeden Tag waren wir bei anderen Leuten zum Essen eingeladen.
Es gab frisches Fleisch von den rituellen Schlachtungen, Joghurt,
Gemüse, Eier, frischen Salat, selbstgebackenes Fladenbrot.
Alles schmeckte wunderbar, und wir wurden immer wieder gedrängt,
weiter zu essen.
Unser Gastgeber hatte für unsere bewaffneten Begleiter und
für unseren Transport zu seinem Dorf Ausgaben, die etwa seinem
halben Monatslohn entsprachen, dazu kam unser Essen und ein Kleid,
welches die Monika von seiner Frau geschneidert bekam und die vielen
Gefallen, die er vielleicht Verwandten und Freunden nach unserem
Besuch schuldig war. Wir haben mit aller Kraft versucht, wenigstens
einen Teil der Ausgaben übernehmen zu dürfen. Es war unmöglich.
Er hat uns nach vielen vergeblichen Versuchen abschließend
erklärt, dass es einfach nicht möglich sei, dass wir irgendetwas
bezahlen. Seine Gastfreundschaft würde sonst einen "Fehler"
bekommen, und das sei für ihn nicht vorstellbar.
Nach fast jeder Unterrichtsstunde wurden wir von Schülern
gefragt: "Teacher, is there any service for me?" Diese
Frage war ernstgemeint. Die Schüler sind bereit, Wasser, Tee
oder Essen von zu Hause zu bringen, Botengänge zu erledigen
oder jede erdenkliche Hilfe zu leisten. Sie wissen, dass man als
Ausländer mit für sie einfachen Dingen manchmal Schwierigkeiten
hat. Jeden Tag wurden wir von Schülern eingeladen, zu ihnen
nach Hause zu kommen. Obwohl wir diese Angebote nie in Anspruch
genommen haben, hat es uns doch das schöne Gefühl vermittelt,
willkommen und geschätzt zu sein.
Nachdem ich, Heiner, nach einer Deutschstunde wieder einmal alle
Angebote und Einladungen abgelehnt hatte, sind mir zwei hartnäckige
Schüler gefolgt. Ich wollte außerhalb der Schule eine
Motorrikscha nehmen, um zu einer UN-Organisation zu fahren, bei
der wir Internetzugang bekommen konnten. Die beiden Schüler
haben für mich auf Paschtu mit dem Rikschafahrer geredet, ihm
den Weg erklärt und wegen des Preises verhandelt, dreißig
Rupien sollte ich bezahlen. Die Fahrt ging durch die ganze Stadt,
mehrere Kilometer weit, etwa fünfzehn Minuten lang. Am Ziel
angekommen, wollte der Fahrer plötzlich deutlich mehr Geld
von mir haben, als vereinbart. Doch noch während ich mühsam
paschtunische Wörter zusammensuchte, um ihm meinen Standpunkt
zu erklären, schwangen sich meine beiden Deutschschüler
rechts und links der Rikscha von ihren Fahrrädern herunter.
Sie waren der Rikscha gefolgt und redeten nun auf den Fahrer ein.
Nach einem sehr kurzen Wortwechsel zog er mit dreißig Rupien
ab, die beiden Jungs strahlten. Sie hatten mich, den Gast, begleitet
und beschützt.
Seit einigen Tagen sind wir in Pakistan, um unsere Reise durch
Asien fortzusetzen. Wir möchten den Karakorum nach Norden überqueren
und in China nach Osten und schließlich nach Norden in die
Mongolei reisen. Auf dem Rückweg nach Deutschland möchten
wir nächstes Frühjahr wieder nach Afghanistan. Das Land,
seine Geschichte und die Menschen haben uns sehr beeindruckt. Auf
unserer Webseite www.gesichter-der-erde.de sind schon einige Bilder
und kurze Berichte über Afghanistan zu sehen, auch über
unseren Besuch zum Id-Fest, weitere Berichte erstellen wir noch.
Der Abschied von den afghanischen Freunden in Jalalabad ist uns
sehr schwer gefallen. Unser Freund Nurmuhammad hat uns vorerst zum
letzten Mal mit auf den Weg gegeben: "Pa macha mu siri goluna!"
- "Auf Eurem Weg gelbe Blumen." Wenn wir gelbe Blumen
sehen, denken wir an ihn und die herzlichen Menschen in Afghanistan.
Monika Koch und Heiner Tettenborn
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